Art Goes Private

Die Thematik „öffentliche Kunst - nicht-öffentliche Kunst“ zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Der Vortrag „Das Problem verstehen - die Kunstsammlung der SüdwestLB“ von Stephan Schmidt-Wulffen am 22.11.1996 im Künstlerhaus Stuttgart stellt dabei so etwas wie eine Initialzündung dar. Bis dahin hatte ich Kunstwerke lediglich passiv rezipiert, statt über die Art der Präsentation und den Bezug zum Umraum nachzudenken.

Schmidt-Wulffens Präsentation der in den Arbeitsalltag der Bankangestellten integrierten Werke von unter anderem Tobias Rehberger, Jorge Pardo, Dominique Gonzalez-Foester, Franz West, Rirkrit Tiravanija, Pipilotti Rist und Thomas Locher zeigte, dass Kunst keineswegs immer als Kunst erkennbar sein muß und in der Form von Möbelstücken, Teppich oder Kochgelegenheit eine quasi soziale Aufgabe erfüllen kann.

Der von Nicolaus Schafhausen im ehemaligen Ausstellungsraum des Künstlerhauses Stuttgart inszenierte „Umbau Raum“ beinhaltete unter anderem Lampen von Joseph Zehrer und Sitzgelegenheiten von Angela Bulloch und verwischte so die Grenzen zwischen Kunstwerk und Inneneinrichtung. Die Gruppenausstellung „-zig“ der Freien Kunstschule Stuttgart, die vom Kunstbüro D.E.S.S.E für den Württembergischen Kunstverein organisierte Sommerausstellung „Downtown“ oder das Ausstellungsprojekt „Right Here Right Now“ der Stuttgarter Kunstakademie-Klasse Daniele Buetti besetzten halböffentliche Räume wie Zeitungsredaktionen, Designbüros, Kneipen und Wohnungen.

In Artikeln, Aufsätzen und eigenen Ausstellungen versuche ich seitdem, die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, zwischen Künstler, Kurator und Journalist auszuloten. Meine Magisterarbeit in Kunstgeschichte beschäftigt sich unter anderem mit der Person von Stephan Schmidt-Wulffen, der als Kunstbeauftragter der Südwest Landesbank Sammler, Galerist, Kurator und Künstler in einem war.

Mit meiner Ausstellung „Welcome to the Leisuredome“ im Stuttgarter Kunstbüro D.E.S.S.E. (Der Erfolg Stellt Sich Ein) führte ich den ritualisierten Galerienbesuch - Sehen-Und-Gesehen-Werden - ad absurdum. Gleich am Eingang wurden die Besucher aufgefordert ihre Vernissagen-(Ver)Kleidung abzulegen und sich stattdessen aus meiner privaten Sammlung ein T-Shirt herauszusuchen und anzuziehen. So wurden die Besucher selbst zu lebenden Ausstellungsstücken. Die mit musikalischen oder filmischen Helden bedruckten T-Shirts funktionierten gleichermaßen als Kommunikationsbrücke und Exponat.

Weitaus mehr als das autonome „Bild an der Wand“ interessieren mich durch Kunstwerke geschaffene Kommunikationsangebote und Erlebnisräume. Mit der Ausstellung „Framework“ von Ute Zeller habe ich den Ort der Ausstellung thematisiert und die Maichinger Bevölkerung zu ihrem Verhältnis gegenüber dem Alten Maichinger Rathaus befragt. Mit dem Galerie-Konzert der "Unsterblichlichkeit", kitschig-bunten Exponaten und Multimedia-Installationen arbeite ich seitdem an der Ent-Auratisierung des White Cube.

Marko Schacher

 

Thoerie >> Praxis >> www.galerie-maichingen.de