The Art of the Cassettecover
"Welcome
to the Leisuredome" war der Titel dreier Ausstellungsprojekte, mit denen
ich die Stuttgarter Kunstszene 1997 und 1998 eroberte und vielleicht auch belustigte.
Die Stationen der Ausstellungen waren: der Ludwigsburger Kunstverein (auf der
Plattform-Skulptur von Svetlana Heger und Plamen Dejanov), die Stuttgarter Kulturdirektion
D.E.S.S.E. (= Der Erfolg Stellt Sich Ein) und der Kunstkiosk "Der Interaktor"
(im Rahmenprogramm zur Ausstellung "Downtown" des Württembergischen
Kunstvereins).
Damals waren Hunderte meiner selbsgebastelten MC-Cover - in den Hüllen
mit den dazugehörigen Cassetten - als
benutz- und verschiebares Mosaik ausgelegt (Ludwigsburg) bzw. als Wand-Mosaik
auf Nägeln gestellt.
Text meines Handouts am "Interaktor":
Liebe (potentielle) Käuferin,
lieber (potentieller) Käufer
Im Gegensatz zum LP-
und CD-Cover wurde das Cassettencover von den Plattenfirmen und deren Grafik-Designern
schon immer stiefmütterlich behandelt. Meistens handelt es sich bei der
Cassetten-Version um eine stark verkleinerte Variante des großen LP-Covers
oder um einen kleinen Ausschnitt aus diesem - immer aber um einen "Abklatsch"
des großen "Original"-Covers. Mich persönlich hat das schon
immer geärgert. Warum läßt sich niemand darauf ein, die 6,5
x 10,2 Zentimeter, die ihm ein solches Cover bietet, als eigene, vom LP- und
CD-Cover unabhängige Ausdrucksplattform zu benutzen? Warum muß ein
Cover eigentlich immer die Band und den Titel enthalten? Künstler, die
aus ästhetischen Gründen ein Cover ohne störenden Schriftzug
herausbringen wollen, bekommen von ihrer Plattenfirma regelmäßig
einen Aufkleber verordnet, der auf der Hülle über deren Inhalt aufzuklären
hat. Ein Großteil meiner Cassettencover läßt keinen sofortigen
Rückschluß auf den Inhalt zu. Was verbirgt sich hinter dem Foto eines
Waschsalons. Was hat die Ameise mit dem Inhalt der Cassette zu tun. Über
welche Musik grinst dieser nette Herr mit der Krankenkassenbrille so? Den meisten
Geheimnissen kommt nur derjenige auf die Spur, der die Cassetten in die Hand
nimmt, die Cover, die oft mehrmals geknickt sind und in einigen Fällen
auch das Cover der zweiten, auf dieser Cassette befindlichen Band enthalten,
aufklappt, sie umdreht und damit spielt. Die Cover sind nicht nur zum Ansehen,
sondern auch zum Fühlen und gar zum Schmecken und Riechen.
Es kam mir darauf an, daß die Cassettencover auf den ersten Blick einen
professionellen Eindruck hervorrufen. Eine Vielzahl dieser Cover könnte
aufgrund ihrer plakativen Ästhetik - theoretisch - auch wirkliche Kauf-Cassetten
zieren. Beim genauen Hinsehen und in die Hand nehmen merkt man jedoch, mit welchen
primitiven Mitteln (Schere, Papier, Kleber, Kuli) sie hergestellt sind. Es sind
Unikate, die sich von den sonst an Straßenständen (vor allem in Ostländern)
verkauften, in Massen produzierten Cassetten entscheidend unterscheiden. Ob
diese Cover Kunst darstellen, halte ich für zweitrangig. Das Aufeinandertreffen
des Privaten (meine selbstgeklebten und selbst aufgenommenen, selbst zusammengestellten
Cassetten, meine Gedanken) mit dem Öffentlichen (der Öffentlichkeit
des Stuttgarter Schloßplatzes) halte ich indes für sehr reizvoll.
Text-Auszug meines Handouts
im Kunstverein Ludwigsburg:
...Die Cassetten dürfen,
ja sollen sogar in die rechts und links bereitstehenden Cassettenrecorder gesteckt
und gespielt werden. Das Mosaik soll - entsprechend den Musikgeschmäckern
der Besucher - verändert und verschoben werden. Eine Cassette, hier herausgenommen,
wird aber dort hineingeschoben. Wer eine Cassette herauspickt und spielt, muß
diese subjektive Wahl vor den anderen Besuchern verantworten und gegebenenfalls
- bei Einspruch - öffentlich legitimieren. Erinnerungen an die Fahrten
im Klassenbus werden wach, als derjenige, der wagemutig eine Cassette zum Busfahrer
vorgab, für die 90 Minuten Laufzeit entweder der King ("Hey, wer ist
denn das?", "Wo hast Du diese Musik her?"), meistens aber der
Trottel war ("Was 'n das für 'n Scheiß!"). Es können
sich Streitereien darüber ergeben, welche Musik denn jetzt erklingen soll
- die aus dem rechten Recorder hier, oder die aus dem linken. An dieser Diskussion
werden auch Angela Bulloch und ihre Freunde teilhaben. Die von ihnen ausgewählte
Musik erklingt in den übrigen Räumen und vermischt sich gegebenenfalls
mit der Musik der hier spielbaren Tapes....
Text-Auszug meiner Pressemitteilung zur Ausstellung in der D.E.S.S.E.:
...Nur diejenigen, die die Tapes in die Hand nehmen - und damit das gesamte
Mosaik verändern und verschieben - werden die Geheimnisse um die Casettencover
lüften. Zwei Cassettenrecorder stehen bereit. An der Diskussion, welche
Musik erklingen soll, werden auch die "Harakiri"-Fanzine-Macher teilhaben,
die im Nebenraum Platten und Videos auflegen werden.
Während des DJ-Battles trägt man das T-Shirt der Band, die einem am
Herzen liegt. Die T-Shirts werden am Eingang verliehen und verkauft. Der sonst
übliche, ritualisierte Galerienbesuch - Sehen-Und-Gesehen-Werden - wird
ad absurdum geführt. Die Besucher selbst werden zu lebenden Ausstellungsstücken,
und ihre angelegte Schutzhülle wird aufgebrochen. Es heißt: Farbe
bekennen! Der Zeitzeuge der Popkultur läßt sich mit seinem Shirtliebling
ablichten und besitzt die bleibende Erinnerung. Das Gespräch am Abend wird
sich um Uniform, Konformität, Geschmack, Musik, Style und Statement drehen.
Die Kunst liegt im Warum und Entweder-Oder von PUR, Sonic Youth, Blumfeld oder
Kermit Klein.
Marko
Schacher
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