
Marko Schachers Eröffnungsrede vom 8.3.03:
Manfred "Manni"
Bruhn, dem ehemaligen Hausmeister dieser Ateliergeminschaft, sind im Laufe
der Kulturgeschichte ja schon einige Denkmale gesetzt worden. ABBA besangen
ihn in ihrem Hit "Manni, Manni" und stürmten damit die Charts.
Die Dire Straits waren von Mannis Hausmeisterfähigkeiten weniger begeistert,
aber auch sie gingen mit "Manni for Nothing" in die Musikgeschichte
ein. Sehr schön hat mir auch der Titel "Manni's to tight to mention"
von Simply Red gefallen.
"Tight" ist, so wie ich Manfred Bruhn durch diverse Erzählungen
kennen gelernt habe, ein sehr geeignetes Wort, um dessen Charakter zu beschreiben.
Schließlich bedeutet "tight" einerseits "fest" oder
"hart" - so in der Bedeutungs-Richtung von "tough" - andererseits
auch "prall" und "dicht", und nicht umsonst wird im Wörterbuch
"get tight" mit "sich vollaufen lassen" übersetzt.
Manfred Bruhn, der vor vier Jahren an Leberversagen gestorben ist, hat in seiner
Person verschiedene Widersprüche auf sympathische Weise vereint: Einerseits
hart, grob und aufbrausend, andererseits sensibel, einfühlsam und nachdenklich.
Ich denke, eine ähnlich sympathische Mischung ist den Künstlerinnen
und Künstlern mit ihren "Installationen" in Manfed Bruhns ehemaliger
Wohnung gelungen.
"Just what is it, that makes today's homes so different, so appealing?",
also "Was macht unsere heutigen Eigenheime so anders, so angenehm?"
hat der Pop-Art-Künstler Richard Hamilton 1956 mit seiner gleichnamigen,
inzwischen berühmt gewordenen Collage gefragt.
Als Antwort präsentierte er innerhalb seiner Collage eine Vermischung der
vermeintlich hohen Kunst - zum Beispiel in Form eines gerahmten Gemäldes
- mit der bis dahin als niedrig, als "low" angesehenen Kunst der Comic-Bilder
und des Möbel-Designs. Ich denke, Herr Hamilton hätte sich hier in
der "Manni"-Ausstellung sehr wohlgefühlt. Auch hier vermischen
mischen sich vermeintlich "hohe", in der Kunstgeschichte längst
etablierte Medien wie Fotografie und Video und geradezu klassische Materialien
wie Gips und Holz mit den eher "niedrigen" Materialien wie Weinflasche,
Papp-Maschee und Makramee-Knoten. Das, was die Ausstellung "so anders,
so angenehm" macht, ist die Symbiose, die Vermischung der Kunstwerke mit
dem Ort der Ausstellung, dessen spezifische Atmosphäre irgendwo zwischen
Swinger-Club, Kneipe und Spielhölle liegt.
Das entstandene Gesamtkunstwerk
gleicht einer künstlerischen Spielwiese mit spielerischer Kunst, einem
Abenteuerland, das als Eintritt nicht den Verstand, sondern möglicherweise
das Ablegen gewisser Künstler-Klischees erfordert.
Wer Karin Ludmann
in ihrem Atelier besucht, hat das Gefühl in einem modernen Alchemie-Labor
gelandet zu sein. Überall stehen und liegen Alltagsgegenstände, die
in scheinbaren Versuchsanordnungen ihrer ursprünglichen Funktion beraubt
und auf ihre Kunst-Tauglichkeit hin überprüft werden. Für die
Ausstellung "Manni" hat Karin Ludmann eine eigenhändig geknüpften
Makramee-Blumenampel, die insgesamt recht überdimensioniert daher kommt,
mit einer Miniatur-Bar ausgestattet, in der leider nur sehr, sehr klein gewachsene
Erdenbewohner im wahrsten Sinne des Wortes "abhängen" können
oder könnten
- zum Beispiel "Wuschel und Läpple", die beiden Meerschweinchen
von Armin Subke, die sich auf den gemeinsam mit Hans Pfrommer entstandenen
Fotografien als Klavier-Virtuose, Bauer und Fotomodell versuchen dürfen.
Die an die "Wendy"- oder "Medi & Zini"-Tier-Poster unserer
Kindheit erinnernden Aufnahmen werden mit einem in Gips verewigten Ritual des
Kneipen-Besuchs konfrontiert und kombiniert.
Franziska Heyder hat sich durch die Erzählungen über Manfred Bruhn
an einen befreundeten Opern-Sänger erinnert gefühlt, den sie im Nebenzimmer
mittels einer Diaprojektion auf eine frei von der Decke fallende Plastikfolie
in geradezu poetischer Weise als potentiellen Bewohner vorstellt. Der Besucher
wird aufgefordert, sich körperlich mit der Installation auseinandersetzen.
Doch tatsächliche Annäherungen sind nur bedingt möglich. So wie
die Haltung des Portraitierten zwischen einstudierter Pose und Natürlichkeit
changiert, ist das projizierte Bild mal scharf, mal verschwommen und in Bewegung.
Der portraitierte Sänger Joachim Bendel könnte zweifelsohne auch der
Protagonist von Eva Teppes Film "Ein Tag draußen" sein,
einem scheinbar Obdachlosen, der nach dem Leeren einiger Flasche Wein auf einer
Parkbank schläft und der von der Künstlerin jetzt als eine Art Flaschengeist
auf eine Weinflasche projiziert wird.
Nebenan auf der zum Privatclub mutierten Toilette geht es hoch und heiß
her. Wer eine der begehrten Einladungen von Kristina Fistr und Kathrin
Sohn ergattern konnte oder sich eine Einladung durch das Abfassen eines
Frühlingsgedichts verdient hat, kommt in den Genuss von DJ Iassem, Häppchen
und Drinks, Go-Go-Tänzen und der wohl kleinsten öffentlichen Tanzfläche
diesseits des Missisippi - eine nette Vermischung von Privatheit und Öffentlichkeit,
Skurrilität und Dekadenz.
"Dein Klub" hat die seit Frühjahr 2002 laufenden Dreharbeiten
für ihr Trash-Remake von Kevin Costners Endzeitepos "Waterworld"
von seinem angestammten Raum, der Abstellkammer von Oberwelt e.V., hierher,
in die Nordbahnhofstr.45 verlegt und bezieht bei diesem "Außendreh"
das Publikum als Kulisse und Komparsen mit ein. Die Monstrosität und Dekadenz
der Filmbauten konterkarierend, zugleich aber den Bastel-Flair der Film-Kulisse
aufnehmend, entstand hier im Nebenraum eine gewitzte Mischung aus Installation
und Filmstudio. Um eine gewisse Kontinuität zu gewährleisten, wurde
die ursprüngliche Einrichtung des Klub-Raums nachgebildet bzw. abgebildet
- teilweise als Gemälde oder Skulptur, teilweise auch in sehr seltsamen
Materialien wie Lebkuchen oder Spaghetti.
Tilmann Eberwein schein bei seinem Besuch der ehemaligen Hausmeisterwohnung
den inneren Zwang zum Saubermachen gehabt zu haben. Seine Putz-Mobb-Installation
"Around & around" reflektiert nicht nur die eintönige Tätigkeit
einer Putzfrau, sondern hat auch den angenehmen Nebeneffekt, dass der Boden
etwas sauberer wird.
Uta Weyrich und Eva Paulitsch haben die Lebensgeschichte des ehemaligen
Bewohners als Ausgangspunkt für Interviews mit 12 Hausmeistern genommen,
um so das Klischeebild "Hausmeister" zu hinterfragen und zu individualisieren.
Die als Wort-Collage im Eingangsbereich der Wohnung präsentierten Hausmeister-Statements
reflektieren verschiedene Facetten des Berufes und der Berufung Hausmeister
und erwecken so in gewisser Weise auch den ehemaligen Hausmeister Manni Bruhn
wieder zum Leben.
Hanns-Michael Rupprechter wollte eigentlich heute Abend in die Rolle des
Hausmeisters schlüpfen, hat dann aber aus Anlass des Internationalen Frauentags
im Eingansbereich mit Papp-Maschee-Bollen um sich geworfen und eine Wandarbeit
angebracht, welche die politischen und kulturgeschichtlichen Geschehnisse der
nächsten 50 Tage vorwegnimmt, zum Beispiel den Aufkauf von Microsoft durch
Aldi-Süd am 13.3., die Verschiebung des Irak-Einmarschs wegen Baguette-Lieferengpässen
am 14.3., und die Ausweisung Jürgen Drews aus Mallorca am 17.März.
Es soll ja immer noch Zeitgenossen geben, die die Vorstellung der hehren, erhabenen
Kunst aufrechterhalten und einen von Ehrfurcht und Passivität geprägten
Ausstellungsbesuch als die einzig adäquate Annäherung an die Kunst
ansehen. Meiner Meinung nach - und da stehe ich Gott sei Dank nicht alleine
da - sollte zwischen der Kunst und dem Besucher jedoch ein aktiver Dialog stattfinden.
Wenn dieses Zwiegespräch dem Besucher zudem erhellende Einblicke in die
Gesellschaft gibt, ihn unterhält oder gar Spaß bereitet - umso besser.
Die Unterscheidung von ernsthafter und unterhaltender Kunst, von - wenn man
so will - E-Kunst und U-Kunst halte ich für hinfällig und unsinnig.
Die spannenden Kunstwerke liegen irgendwo dazwischen.
Insofern wünsche ich Ihnen viel Spaß in der Ausstellung "Manni"
und fordere sie auf, sich mit allen Sinnen auf die Ausstellung einzulassen.
Danken möchte ich unbedingt noch Gerhard Friebe und Andrea Zug, ohne deren tatkräftige und moralische Unterstützung diese Ausstellung nicht zustande gekommen wäre. Weiterhin danke möchte ich dem Kulturamt der Stadt Stuttgart und der Stiftung der Landesbank Baden-Württemberg, die uns finanziell den Rücken gestärkt haben und dafür gesorgt haben, dass wir unser Bier heute Abend für einen Euro anbieten können.
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